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„Und warum ist das Interessanteste an einer militanten Rechtsextremistin ihr Liebesleben?“

Das „Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus“ hat zu der aktuellen Medienberichterstattung einen offenen Brief verfasst, den wir hier dokumentieren:

Offener Brief des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus zur Berichterstattung über die Rechtsextremistin Beate Zschäpe

Durch die Ereignisse der letzen Wochen in Thüringen, zu denen auch gehörte, dass Beate Zschäpe sich nach jahrelangem Leben im Untergrund der Polizei stellte wird das Thema Rechtsextremismus wieder einmal in seiner ganzen Gefährlichkeit und Menschenverachtung medial präsent. Für uns, die wir uns tagtäglich wissenschaftlich, journalistisch und pädagogisch mit dem Thema beschäftigen, stellt die Existenz einer ‚braunen Terrorzelle’ keine große Überraschung dar – empört dagegen sind wir über die Berichterstattung über die mutmaßliche Täterin.

Auf der Titelseite der Frankfurter Rundschau vom 14. November 2011 sind die Photos der drei mutmaßlichen AttentäterInnen im Zentrum der Seite abgebildet. Unter dem Bild der weiblichen Verdächtigen ist neben ihrem Namen und ihrem Alter zu lesen: „war eine der wenigen aktiven Frauen in der rechtsextremistischen Szene. Sie soll sich politisch kaum engagiert haben“. Am Vorabend wird sie in der Sendung von Günther Jauch mit der Feststellung eingeführt, dass sie abwechselnd mit den beiden Männern liiert gewesen sei. Ganz ähnlich wie in der Bild online vom 14.11.2011, in der zu lesen ist: „Beate Zschäpe, die gefährliche Mitläuferin. … Mit Böhnhardt und Mundlos hat sie eine Dreierbeziehung: ‚Mal war sie mit dem einen zugange, mal mit dem anderen’, sagt ein früherer Bekannter“. Und schließlich wird im Bericht vom Spiegel des gleichen Tages den gesamten Text hindurch offen oder auch subtil vermittelt, dass Beate Zschäpe auf keinen Fall die Morde und Banküberfälle begangen habe, sondern diese von den beiden männlichen Tatverdächtigten verübt worden seien.

Die Fragen, die für uns bei dieser Berichterstattung im Raum stehen lauten: Wie kommen die VerfasserInnen der Artikel zu diesen Aussagen, obwohl die Verdächtigte schweigt und bisher offiziell keine Ermittlungsergebnisse bekannt gegeben wurden?

Aus unserer Perspektive wird hier wird das übliche Klischee von der unpolitischen Frau unreflektiert reproduziert. Ein Klischee, das für die Auseinandersetzung mit Frauen im Rechtsextremismus auf doppelte Weise greift und rechtsextreme Frauen damit auf doppelte Weise ‚unsichtbar’ macht: Frauen haben nach dieser Logik zum einen keine politische Überzeugung und wenn, dann keinesfalls eine so gewalttätige wie die rechtsextreme. Frauen gelten immer noch als das ‚friedfertige’ Geschlecht. Wenn überhaupt, dann erscheinen Frauen in der Szene nur als sexualisierte Anhängsel denkbar. Diese Sichtweise prägt auch die Arbeit des Verfassungsschutzes, der die Aktivitäten rechtsextremer Frauen kaum wahrnimmt – im Fall von Beate Zschäpe mit tödlichen Folgen.

Der öffentliche und der wissenschaftliche Diskurs im Hinblick auf die Wahrnehmung weiblicher Rechtsextremistinnen ist seit jeher mit der Einschätzung konfrontiert, dass dieser Bereich einen Nebenschauplatz darstelle. Konkreter ausgedrückt bedeutet dies: es dominieren (Vor-)Urteile die Wahrnehmung, wie z.B. dass Rechtsextremistinnen aufgrund ihrer geringen Präsenz vernachlässigt werden könnten oder in ihren politischen Aktivitäten nicht ernst genommen zu werden bräuchten, da sie weitgehend in der Funktion als Freundin oder Ehefrau auftreten würden. Diese Beurteilungen halten sich in vielen Bereichen beharrlich, obwohl Wissenschaftlerinnen bereits seit Beginn der 1990er Jahre aufgrund empirischer Forschungsergebnisse zu anderen – erweiterten – Aussagen kommen. So wurde deutlich, dass Mädchen und Frauen in den unterschiedlichsten Kontexten des rechtsextremen Milieus – also sowohl in rechtsextremen Skinheadgruppen und Kameradschaften, in ultrarechtsextremen Gruppierungen und in rechtsextremen Parteien – in unterschiedlichsten Funktionen auftreten. Die Fokussierung auf männliche Rechtsextremisten birgt somit die Gefahr, dass die Aktivitäten von Rechtsextremistinnen übersehen werden und damit unkontrollierter bleiben. Diese Unterschätzung kann und wird z.T. auch im rechtsextrem orientierten Milieu bewusst eingesetzt, beispielsweise bei der Anmietung von Räumen für Veranstaltungen, bei der Sammlung von Daten (vermeintlich) politischer GegnerInnen, des Fotografierens derselben, die Ansprache von BürgerInnen an Infoständen oder beim Betrieb von Internetportalen. Die Ignoranz weiblicher Aktivistinnen erleichtert diese strategischen Nutzung durch die Szene und ermöglicht es gleichzeitig, dass selbst wenn sie aufgedeckt werden, noch immer die Vorstellung greift, sie könnten für die politisch motivierten Taten nicht verantwortlich sein.

Der moderne Rechtsextremismus ist jedoch ohne das Engagement von Frauen nicht denkbar. Es sind Frauen, die in der Szene wichtige soziale Funktionen einnehmen und die Szene nach innen stärken sowie nach außen ‚normalisieren’. Eine rechtsextreme Frau am Kinderstand eines rechtsextremen Sommerfestes beispielsweise wird viel weniger mit der Gewaltförmigkeit der rechtsextremen Ideologie in Verbindung gebracht. Auch als Funktionärinnen sind Frauen immer wieder präsent – zwar weniger als Männer (was sie von einigen bürgerlichen Parteien auch nicht so grundsätzlich unterscheidet) aber aktiv und nicht minder gefährlich.

Auch das Beispiel Beate Zschäpe zeigt auf, dass rechtsextreme Frauen mitnichten nur am Kuchenstrand der NPD zu finden sind und sich auch nicht scheuen, ihre menschenfeindliche und gewalttätige Weltanschauung auf brutale Art und Weise umzusetzen. Beate Zschäpe hat, wie ihre Mittäter, vermutlich rassistische Morde geplant und vielleicht durchgeführt. Wenn das keine ernstzunehmende rechtsextreme Einstellung mit Konsequenzen ist, was ist es dann?

Wir, das Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus, fordern alle Medienschaffenden und WissenschaftlerInnen auf, in diesem und anderen Fällen rechtsextreme Frauen als das zu sehen und darzustellen, was sie sind: mutmaßlich rassistische, menschenverachtende Täterinnen. Die Verharmlosung der Rolle von Frauen im Rechtsextremismus spiegelt nicht nur sexistische Stereotype wider, sie verharmlost auch die rassistisch und antisemitisch motivierten Taten selbst.

Für das Netzwerk:

Prof. Dr. Michaela Köttig, FH Frankfurt (koettig@fb4.fh-frankfurt.de)
und Rena Kenzo (
rena.kenzo@gmx.de)



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