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NS-Literatur im Online-Vertrieb

Zwei Titel aus dem Angebot von "Buchschrank.de"Bieten manche Online-Buchhandlungen das übliche Sortiment eines Antiquariats an oder wird hier schlicht NS-Literatur gehandelt? Diese Frage stellt sich auch bei einigen Buchhandlungen aus der Region Berlin/Brandenburg.

Ein Gastbeitrag von Markus Ragusch (Antifaschistisches Infoblatt)

Das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels berichtete im August 2007 auf seiner Internetseite boersenblatt.net von einer Entscheidung, die das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher (ZVAB) in dieser Frage getroffen hatte. Das Antiquariat (bzw. „“) im brandenburgischen Zossen war zum 31. August 2007 vom ZVAB von der Teilnahme an seiner Online-Plattform ausgeschlossen worden. Das ZVAB sah seinem Ansehen „massiven Schaden“ zugefügt und machte deshalb vom Recht zur fristgerechten Beendigung des Vertragsverhältnisses Gebrauch. In einer Stellungnahme von Geschäftsleitungsmitglied Thorsten Wufka gegenüber boersenblatt.net/antiquariat hieß es: „Wir sind uns bewusst, dass der Umgang mit Büchern aus der NS-Zeit nicht zwangsläufig etwas mit rechtsradikalem Gedankengut zu tun hat. Wenn aber eine außergewöhnlich hohe und dauerhafte Menge an Beschwerden eintrifft, fühlen wir uns dazu verpflichtet zu reagieren.“ Das Kündigungsschreiben des ZVAB vom 9. Juli 2007 berichtete demnach von „wiederholten und massiven“ Kundenbeschwerden über das Angebot des Antiquariat Ursula Fleischhauer zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts sowie ihre „teils tendenziösen Buchschreibungen“.

Der Versand „German Historical Books“

Ursula Fleischhauer, die seit März 2001 am ZVAB teilnahm und nach eigener Auskunft seit über 15 Jahren ein wissenschaftliches Antiquariat für Geschichte betrieb, wich auf andere Online-Plattformen des Buchhandels aus. Ihre Erklärung bei ZVAB war auch mit „German Historical Books“ unterschrieben. Unter diesem Namen führt mittlerweile das Versandantiquariat weiter. Zuvor hatte er die betrieben, welche in den 90er Jahren auch in Neonazi-Publikationen inserierte. Das Buch „Drahtzieher im braunen Netz“ von 1996 zeigt ein Foto von Hans-Jörg Rückert junior und senior bei einer gemeinsamen Kranzniederlegung anläßlich eines Neonaziaufmarsches 1991 in Halbe (Brandenburg). Es benannte Hans-Jörg Rückert (junior) als „ehemaligen Kassenführer der illegalen NSDAP/AO-Berlin“ und als Mitglied der neonazistischen „Berliner Kulturgemeinschaft Preußen“ (). Kaum verwunderlich, dass Artikelgruppen wie Nationalsozialismus, 2. Weltkrieg, Auslandsdeutschtum und Freikorps bis heute bei „German Historical Books“ gut vertreten sind. Immerhin drei Einträge hat die Artikelgruppe Neo-Nazismus. Die Beschreibung des Buches „Sehnsucht nach Unfreiheit – Der Fall Kay Diesner und die rechte Szene. Ermittelt am Ort des Geschehens“ von Laura Benedict ist hier mit der auffälligen Wertung „Sehr obskur“ versehen worden. Offenbar spielt der mißmutige Hinweis auf das Kapitel „Der bewaffnete Haufen vom Wedding“ in dem Buch an. Es beschreibt wie sich im August 1994 rund 30 bewaffnete Neonazis in Berlin im Hause des Neonazis Arnulf Winfried Priem versammeln, um ihn vor einer Antifa-Demonstration zu schützen. Neben Kay Diesner, der im Frühjahr 1997 einen linken Buchhändler in den Arm schoss und einen Polizisten ermordete, war auch Hans-Jörg Rückert unter den dort wegen „Bildung eines bewaffneten Haufens“ verhafteten Neonazis. Die Autorin schreibt über ihn in dem Buch: „Han-Jörg Rückert hütet die zweite Bodenkammer. Eigentlich heißt er Hans-Jörg, aber das Han-Jörg klingt nordischer. Der gebürtige Brandenburger ist Kassenwart von ‚Wotans Volk‘ und Mitglied der neonazistischen ‚Kulturgemeinschaft Preußen e.V.‘. Er wird in der Szene verdächtigt, zur Auffüllung der schmalen Haushaltkasse mit Informationen über seine Kameraden zu dealen (…)“. Nun handelt er offenbar in Zossen mit „deutschen, historischen Büchern“. Dies scheint eine dehnbare Kategorie zu sein – wer hier beim Stöbern die „Artikelgruppe: Kommunismus – Bolschewismus“ anklickt bekommt als erstes das Buch „Kommunismus ohne Maske!“ von Joseph Goebbels aus dem Zentralverlag der NSDAP angeboten.

Buchschrank oder Giftschrank?

Ein Angebot, das Neonazi-Herzen höher schlagen lässt, hat auch der Versand „Buchschrank.de“ von aus Berlin, der über ein Berliner Postfach zu kontaktieren ist. Im Begrüßungstext heißt es recht offen: „Buchschrank.de bietet Euch eine umfangreiche Auswahl antiquarischer Bücher speziell zu den Themen Deutsche Dichter und Denker, Nationalsozialismus, I. + II. Weltkrieg, Deutsche Geschichte, Politik, Rassenkunde, Judentum/ Freimaurerei, Kommunismus, sowie Kunst und Kultur.“ Das Versandantiquariat „buchschrank.de“, das auch unter „faksimileversand.com“ auftritt, fasst hierunter auch Bücher wie „Mein Kampf“ von Adolf Hitler. Das Buch „Rassenkunde des jüdischen Volkes“ wird mit dem Werbetext „Eine gründliche und um Sachlichkeit bemühte reichhaltig bebilderte Untersuchung“ angeboten. Hierbei handelt es sich immerhin um das nationalsozialistische Standardwerk von Hans F.K. Günther.
Nach eigener Auskunft auf der Webseite vertreibt Nickel Werke verschiedener Faksmilie-Verlage sowie vom bisher nicht in Erscheinung getretenen Faksimile Verlag Berlin. So finden sich auf „Buchschrank.de“ u.a. Titel, die zuvor auch der einschlägige Faksimile-Verlag Bremen vertrieben hatte. Dieser wird von Wieland Körner (geb. Soyka) betrieben, der vor allem auch durch geschichtsrevisionistische Literatur aufgefallen war. Ebenfalls im Angebot: Bücher aus dem Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur des Roland Bohlinger aus Nordfriesland, der wie Körner/Soyka dem Umfeld des völkisch-rassistischen zugerechnet wird. Der Vertrieb von Faksimile-Ausgaben zu angeblichen „Forschungzwecken“ wird schon lange von einschlägigen Verlagen genutzt, um unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit nationalsozialistische Machwerke zu vertreiben.

Inhaber aus der Brandenburger Nazi-Szene bekannt

Steffen Nickel war noch vor einigen Jahren in den Kreisen des Berlin-Brandenburger Landesverbandes der Jungen Nationaldemokraten () aktiv gewesen. So zeichnete Nickel für dessen Regionalblättchen Jugend-Wacht verantwortlich, das über die Adresse des JN-Stützpunktes Köpenick-Treptow erhältlich war. Nach internen Auseinandersetzungen um die politische Ausrichtung des Verbandes verließ Nickel u.a. zusammen mit die JN in Richtung „Bewegung Neue Ordnung„, die sich damals in Brandenburg zu etablieren versuchte – erfolglos wie man heute weiß. Die Jugend-Wacht, die Nickel auch über „Buchschrank.de“ anbietet, nahmen die Dissidenten mit und verbreiteten dort weiter NS-verherrlichende Artikel.

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